Hannoversche Allgemeine Zeitung

Null-Euro-Job mit Zukunft / Als Städterin auf dem Bauernhof:

Nach dem Abitur wollen viele Schulabgänger nur eins: raus von zu Hause. Der FREIWILLIGENDIENST ist eine sinnvolle Möglichkeit, die Welt zu entdecken und dabei auch noch etwas Gutes zu tun – auch wenn der Lohn für die Arbeit meist nur aus einer Unterkunft und Verpflegung besteht.

Als Städterin auf dem Bauernhof:
Morgens um 6 Uhr aufzustehen, um Ziegen zu melken, ist nicht jedermanns Sache. Tagelang insgesamt 65 Kilogramm Marmelade einzukochen auch nicht. Und doch kann die Arbeit auf einem Bauernhof etwas Romantisches haben. Abends bei Kerzenlicht vor dem wärmenden Ofen zu plaudern, oder in der Scheune im Heuhaufen zu toben, ruft bei vielen Erinnerungen an Astrid Lindgrens Geschichten aus Bullerbü hervor. Ein Kindheitstraum, den sich Hannah nach dem Abitur erfüllte. Über Freunde erfuhr die 20-Jährige von der Möglichkeit, einige Zeit auf einem Bauernhof leben und arbeiten zu können. Die Organisation World-Wide Opportunities on Organic Farms (WWOOF) half ihr dabei, Kontakte zu Höfen im Ausland herzustellen. Der Verein vermittelt weltweit Adressen von ökologischen Höfen, die Freiwillige für zwei Tage und länger aufnehmen. Um die Kontaktaufnahme, die An- und Abreise und eine Auslandsversicherung müssen sich die Teilnehmer des Programms allerdings selbst kümmern. Hannah verbrachte drei Monate auf einem ökologischen Hof in Norwegen. Sie arbeitete zusammen mit anderen Freiwilligen aus Amerika, Australien, Irland und Frankreich für Unterkunft und Verpflegung. Dabei lernte die Hannoveranerin, Heu zu machen, Ziegen zu melken, Gemüse zu ernten und Brot zu backen. Und sie erlebte, wie es ist, drei Monate ohne Strom und Wasser auszukommen – diesen Luxus gab es auf dem Hof nicht. Wasser zum Kochen und Waschen wurde aus einem Quellbrunnen und einem Flüsschen geholt. Etwa 20 Liter Wasser musste Hannah täglich zum Hof schleppen. Das Feuer für den Morgenkaffee lernte sie im Herd erst anzuschüren, das Holz dafür wurde am Abend zuvor gehackt. Alle zwei Wochen fuhr Hannah mit dem Fahrrad ins vier Kilometer entfernte Dorf. Dort surfte sie im Internet oder kaufte sich Schokolade.

Gelernt hat die 20-Jährige während dieser Zeit viel. Vor allem über sich selbst, sagt Hannah. Die Erfahrung, dass Menschen aus Überzeugung ohne Wasser und Strom leben, hat sie sehr beeindruckt. Ihre Prioritäten haben sich seitdem verändert. Vor ihrem Auslandsaufenthalt wollte Hannah Kunst und BWL studieren, jetzt hat sie sich für Tiermedizin entschieden. “Mein Lebensglück hängt nun nicht mehr von einer funktionierenden Klospülung ab”, sagt sie. Auf eine Spülmaschine möchte sie jedoch nicht verzichten. Manche Dinge ändern sich eben nie. ANNE KANTEL