Ein Interview mit Dr. Elisabeth Kosnik

Die Österreicherin Elisabeth Kosnik (die blonde Dame auf dem Foto) hat im Jahr 2013 an der Universität Wellington (Neuseeland) zum Thema WWOOF promoviert und einen umfassenden Blick auf WWOOF als weltweite Bewegung gewonnen. Der Titel ihrer Doktorarbeit lautet:
WWOOF, Environmentalism and Ecotopia: Alternative Social Practices between Ideal and Reality.”
Zu Besuch in Deutschland unterhält sie sich mit uns über ihre Forschungsarbeit:


Elisabeth, in deiner Doktorarbeit interessierst du dich für die Ursprünge von WWOOF. Es gibt eine spannende Passage über Sue Coppard, die WWOOF in den 70er Jahren ins Leben gerufen hat. Was ist Sue's Motivation gewesen das zu tun?

Ich habe Sue 2011 kennengelernt. Sie war so freundlich mich einzuladen ein paar Tage mit ihr zu verbringen. Es schien mir dass Sue, die in London lebte als sie WWOOF erfand, sich sehr nach jenen Tagen ihrer Kindheit zurücksehnte, die sie auf einem Bauernhof verbracht hatte. So kam sie auf die Idee es Menschen zu ermöglichen, dem Stadtleben auch mal zu entfliehen und das auf eine Art und Weise, auf die sie mit dem Lebensalltag auf einem Bauernhof wirklich in Kontakt kommen, die Arbeit auf dem Land kennenlernen und ihre Hände dreckig machen konnten.
WWOOF wird manchmal als Möglichkeit beschrieben, auf günstigem Weg Essen und Unterkunft zu bekommen. Aber tatsächlich ist es bei WWOOF immer darum gegangen, Spass an einer Betätigung zu haben! Was mich überrascht hat ist die Geschichte, wie WWOOF „organic“- biologisch wurde. Es gab keine großartige Bio-Bewegung im UK der 70er Jahre. Es war mehr ein glücklicher Zufall, dass Sue die biologische Landwirtschaft entdeckte – und sofort guthieß. Ich glaube, dass WWOOF eine Rolle in der frühen Bio-Bewegung gespielt hat, indem Bauern und Konsumenten aufeinander treffen konnten und sich der Bio-Anbau herumsprach.
Es gibt ein sehr schönes Interview mit Sue Coppard, während dem sie ausführlich über die Beginne von WWOOF spricht (hier klicken)

Was hat dich als Kulturanthropologin an WWOOF gereizt?
Ich war immer schon interessiert an der Beziehung Mensch-Natur und an Umweltfragen. WWOOF hat zehntausende Mitglieder auf der ganzen Welt, aber nicht sehr viele Forscher haben sich dem Phänomen bisher angenommen. Also beschloss ich, die erste WWOOF-Ethnographie zu schreiben.

In deiner Arbeit stellst du deine WWOOF-Erfahrungen in Neuseeland denen in Österreich gegenüber. Gibt es bemerkenswerte Unterschiede zwischen den beiden Ländern in Bezug auf WWOOF?

Bei der Auswahl der WWOOF-Höfe für meine Forschungsarbeit hatte ich nur ein Kriterium, nämlich, dass sie als Hof Mitglied bei einer WWOOF-Organisation waren. In Österreich bin ich vor allem auf bergbäuerliche Familienbetriebe gestoßen, die meisten davon auch zertifiziert “bio”. Diese Höfe produzierten in der Regel in kleinem Umfang regionale Spezialitäten, wie z.B. Speiseeis oder Ziegenkäse. In Neuseeland andererseits traf ich vor allem auf Selbstversorgerhöfe, die eine Familie mit eigenem Gemüse und Obst versorgten. Manche lebten wirklich abgeschieden, andere hatten eine vorstädtische oder sogar städtische Wohnsituation mit Garten. Zwei meiner Gastgeber in Neuseeland haben gar nichts angebaut und einer war ein konventioneller Landwirt, was mich überraschte. Ich war unsicher, wie diese Erfahrungen in meiner Forschungsarbeit einzuordnen seien, bis ich herausfand, dass WWOOF-Organisationen auf nationaler Ebene völlig unabhängig voneinander agieren und den Leitern (manchmal Inhabern) einer WWOOF-Organisation die Entscheidung obliegt, welche Höfe aufgenommen werden.

Wenn nicht zwingenderweise bei den Höfen, wo hast du das international Verbindende bei WWOOF gefunden?
Trotz äußerlicher Verschiedenheit teilen die meisten Mitglieder – Höfler, WWOOFer, WWOOF-Organisation – ähnliche Werte. Sie haben eine ganzheitliches Naturverständnis, eine positive Einstellung gegenüber dem Leben auf dem Land und sind um einen nachhaltigen Lebensstil bemüht.
Auch gibt es eine gemeinsame Abneigung gegenüber Konsum, Materialismus, industriell hergestellten Lebensmitteln und großen Wirtschaftskonzernen, einschließlich industrieller Landwirtschaft. Natürlich bleibt der Alltag aus verschiedenen Gründen hinter den Idealvorstellungen zurück. Was ich interessant fand war, wie Menschen die Notwendigkeiten ihres alltäglichen Lebens mit ihren Wertvorstellungen abstimmen.

Für alle, die gerne weiterlesen möchten: Wo ist deine Doktorarbeit zu finden?

Sie ist frei zugänglich und steht hier zum download bereit

Forschst du weiterhin an WWOOF?

Ich bin nach wie vor interessiert an alternativen ländlichen Lebenskonzepten und ich verwende weiterhin das WWOOF-Netzwerk um mit interessanten Menschen in Kontakt zu kommen. Und ich bin nach jetzt 15 Jahren immer noch WWOOF-Mitglied ;-)

Das Interview fand im April 2017 auf der Karrenmühle in Deutschland statt und ist in deutscher und englischer Sprache verfügbar. Die Fragen stellte Jan-Philipp Gutt